Das Arbeitslager als Therapie – Bericht der Human Rights Watch über die Missstände in vietnamesischen Gefängnissen

Ein  kürzlich veröffentlichter Bericht der Human Rights Watch macht deutlich, wie inhaftierte vietnamesische Drogenkonsumenten in staatlichen Arbeitslagern ausgebeutet werden. Die Häftlinge werden zumeist ohne ordentliches Strafverfahren in eines von 123 Lagern interniert, wo sie unentgeltlich oder unterbezahlt Arbeiten zu verrichten haben. Sechs Tage die Woche müssen dabei unter Androhung von Prügel und Folter Cashewnüsse geschält oder Textilien produziert werden.

Mit einer zeitgemäßen Therapie Drogenabhängiger haben die Arbeitslager nichts zu tun. Diese zweifelhafte Form der „Rehabilitierung“, die über 10.000 Männern, Frauen und Kindern zuteil wird, entstammt der nordvietnamesischen Doktrin „Umerziehung durch Arbeit“. Seit 1975 wurden unter dieser Parole Drogenkonsumenten dingfest gemacht. Selbst HIV-Positive werden von der Regierung inhaftiert, obwohl dies nach geltendem Recht nicht zulässig ist, da die Lager keine adäquate medizinische Versorgung gewährleisten können.

Aufnahme in die archaischen Behandelungszentren zu finden, ist aus nahe liegenden Gründen nicht sonderlich schwierig. Die Drogenabhängigen werden von der Polizei oder Verwandten eingewiesen, in einigen seltenen Fällen melden sich Personen sogar freiwillig, weil sie darin einen Weg aus der Abhängigkeit sehen. Ungleich schwieriger ist es jedoch, das Lager wieder zu verlassen. Die Haftzeiten werden eigenmächtig vom Personal bestimmt und mit fadenscheinigen Begründungen verlängert. Auf Fluchtversuche aus dem Lager stehen martialische Strafen, wie der ehemalige Häftling Quynh Luu berichtet: „Als erstes haben sie mir auf die Beine geschlagen, damit ich nicht noch einmal weglaufen konnte…Dann haben sie mir mit einem Elektroschockgerät Stromschläge versetzt und mich einen Monat lang in eine Isolationszelle gesperrt.“

Den Alltag im Gefängnis bestimmen die Produktion von Kleidung, Möbeln oder Einkaufstaschen sowie die Verarbeitung von Cashewnüssen. Die Insassen arbeiten acht Stunden unentgeltlich oder für einen Hungerlohn, von dem zynischerweise noch die Kosten für Verpflegung, Unterkunft und so genannte Management-Gebühren abgezogen werden.

Inwieweit diese Produkte in Verwendung finden, ist nicht bekannt. Die vietnamesische Regierung verweigert Auskünfte über Vertragspartner, wodurch die gesamte Wertschöpfungskette kaum zu erfassen ist. Auch den Häftlingen ist nicht bekannt, für wen ihre Produkte bestimmt sind. Unter dringendem Verdacht, von der Ausbeutung in den Lagern zu profitieren, stehen jedoch nach Informationen von Human Rights Watch die Firmen Son Long JSC und Tran Boi Production Co. Ltd. Eine Stellungnahme von einer der Firmen liegt nicht vor.

Etwas anderes, als die unverzügliche Schließung der Verwahrungseinrichtungen und damit eine Ende dieser Menschenrechtsverletzungen, ist keine Option. Dann wäre der Weg frei für eine freiwillige, menschenwürdige Drogentherapie in Vietnam.

 

Link zum Artikel nicht verfügbar 1.7.15

Über Mathias / EarthLink

Praktikant bei EarthLink / Student der Politikwissenschaft mit Nebenfach Geschichte an der LMU München. Aufgabenbereiche: Projektmitarbeit "Aktiv gegen Kinderarbeit" und "Drogen Macht Welt Schmerz"
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